Weihnachtswünsche

„Frohe Weihnachten! Ein gesegnetes Fest!“ So lauteten auch in diesem Jahr wieder unsere Weihnachtswünsche. Gewöhnlich denken wir dabei an freundliche Lebensumstände. Vor Sorgen möchten wir bewahrt bleiben, vor allem vor Krankheit und Covid 19 möchten wir alle heil überstehen. Im Alltag, im Beruf, in der Schule, mit den Kontakten zur Familie und Freunden soll es möglichst bald wieder normal und gut weiter gehen. Wir wünschen uns, das Leben möge doch so weiterlaufen wie wir es uns jahrzehntelang eingerichtet haben, meistens ja gut.

„Frohe Weihnachten!“ haben wir in unsren Grüßen geschrieben und uns zugerufen. Ich bin sicher, mancher wird dabei auch gedacht haben: Ach ja, es wär’ schön, ein frohes Fest begehen zu können. Aber mir ist nicht danach. Fromme oder freundliche Wünsche helfen mir da wenig. Wünsche und die Wirklichkeit meines Lebens fallen auseinander.

Wir haben ein gutes Gespür dafür, dass es so glatt mit unseren guten Wünschen nicht geht. Sie bewirken nicht einfach, was sie sagen. Unser Leben ist oft schwieriger, verfahrener, belasteter und bedrängter, als dass Wünsche Lösungen bringen könnten. In den zurückliegenden Monaten spürten wir das deutlich. Und sogar zum Weihnachtsfest konnten viele Wünsche nach menschlicher Nähe und Kontakten mit Angehörigen und Freunden nicht erfüllt werden. Manchmal spüren wir, dass unsere gut gemeinten Wünsche nicht mehr sind als verlegene Freundlichkeiten.

Ganz anders als unsere gängigen Wünsche klingen die Worte eines alten irischen Weihnachtswunsches:

Nicht, dass von jedem Leid verschont du mögest bleiben, noch dass dein künft’ger Weg stets Rosen für dich trage und keine bitt’re Träne über deine Wange komme

und niemals du den Schmerz erfahren sollst: Dies alles, nein, das wünsche ich dir nicht.

Denn kann das Herz in Tränen nicht geläutert, kann’s nicht im Leid geadelt werden –

wenn nämlich Schmerz und Not dich aufnimmt in die Gemeinschaft mit Maria und dem Kind, so dass ihr Lächeln Zuversicht und Trost gewährt?

Mein Wunsch für dich ist vielmehr dieser: Dass jede Gottesgabe in dir wachse und mit den Jahren sie dir helfe, die Herzen jener froh zu machen, die du liebst; und dass in Freud und Leid das Lächeln voller Huld des menschgeword’nen Gottessohnes mit dir sei und du allzeit so innig ihm verbunden, wie er’s für dich ersehnt.

Streng, fast befremdlich klingt das. Das, was wir gern meiden möchten, wird hier ausdrücklich zugelassen: Leid und Mühsal und Tränen und Schmerzen – dies alles mag sein. Es wird uns nicht gewünscht, dass wir es vermeiden könnten: Nicht, dass von jedem Leid verschont du mögest bleiben – nein, das wünsche ich dir nicht.

Manchmal frage ich mich: Was tun wir uns eigentlich an mit unseren tausendfachen Weihnachtswünschen „Fröhliche Weihnachten! Gesegnetes Fest!“ Nicht selten noch drangehängt „Gutes neues Jahr!“?

Heißt das nicht oft auch: Komme mir nicht zu nahe mit deinem wirklichen Leben! Belaste mich nicht mit deinen Problemen! Ich wünsche dir Gutes um deinetwillen, aber eben auch um meinetwillen. Denn geht es dir gut, bin ich ebenfalls frei von der Belastung, die du mir werden könntest.

Mit guten Wünschen, so widersinnig es klingt – können wir uns gegenseitig auf Distanz halten, voneinander lossagen.

Dies alles, nein, das wünsche ich dir nicht. Denn kann das Herz in Tränen nicht geläutert, kann’s nicht im Leid geadelt werden – wenn nämlich Schmerz und Not dich aufnimmt in die Gemeinschaft mit Maria und dem Kind, so dass ihr Lächeln Zuversicht und Trost gewährt?

Schmerz und Not – hier sind sie beinahe so etwas wie Einlassbedingungen für Weihnachten. Voraussetzung für die Gemeinschaft mit Maria und dem Kind.

Waren vielleicht darum die Hirten die ersten im Stall? Weil sie am meisten von Schmerz und Not, von Angst und Hoffnungslosigkeit wussten?

Die alten Weihnachtsbilder der großen Meister malen kein Familienglück. Die Darstellungen der Geburt Jesu im Stall zeigen Maria nicht als glückliche Mutter, sondern als die Schmerzensreiche. Das Lächeln der Mutter und des Sohnes ist nicht ahnungslos. Es ist wissend. Die Ahnung des Kreuzes ist schon gegenwärtig.

Es liegt uns allen daran, zuversichtlich und getrost leben zu können, gerade in diesen Zeiten. Eben dies meinen wir ja auch mit unseren Weihnachtswünschen, die ich nicht schlecht reden will. Doch wir glauben ihnen nicht recht, weil wir an manches denken, was uns beschwert und was Wünsche nicht aufheben können.

Wirkt es da nicht befreiend, dass der alte irische Weihnachtswunsch das Dunkle und Bedrängende nicht ausblendet?! Weder das, was uns privat bedrückt noch all die Sorgen um das Leben und den Frieden auf unserer Erde. Zum Stall können wir all das mitbringen.

Erleben wir den Nachhall von Weihnachten so, mit allen Lasten unserer Tage, mit den Lasten der Vergangenheit und den Sorgen der kommenden Zeit, dann werden es wahrscheinlich recht nüchterne Aussichten, aber wir können auch viel kraftvoller Mut schöpfen.

Denn wir müssen nicht vom Nebel weihnachtlicher Romantik zehren, sondern können die Krippe im Stall so wahrnehmen, wie sie erkannt sein möchte. Und ich kann dem alten irischen Weihnachtswunsch zustimmen:

Mein Wunsch für dich sei vielmehr dieser: Dass jede Gottesgabe in dir wachse und mit den Jahren sie dir helfe, die Herzen jener froh zu machen, die du liebst.

Das wünsche ich Ihnen und mir, dass wir miteinander wachsen in der Fähigkeit und Bereitschaft, unsere Gaben anderen nutzbar werden zu lassen und dass in Freud und Leid das Lächeln voller Huld des menschgeword’nen Gottessohnes mit dir sei und du allzeit so innig ihm verbunden, wie er’s für dich ersehnt.

In Freud und Leid – beides wird sein, und beides darf sein. Beides verbindet uns mit dem menschgewordenen Gottessohn. Bleiben wir ihm verbunden, werden wir ihn erfahren in beidem – in der Freude, aber auch im Leiden. Denn beides hat er mit uns geteilt.

„Gesegnete Weihnachten!“ Nun aber nicht als ein weltvergessenes Fest, für mich allein und die wenigen Menschen, die ich liebe und die mich lieben.

„Gesegnete Weihnachten!“ für manchen anderen dazu, der durch mich und dich Teilhaber der Weihnachtsfreude werden könnte. Der Freude, dass auch im Leid, auch im Schmerz, auch im Entbehren Gottes Nähe erfahren werden kann.

Der in Bethlehem Geborene – Teilhaber unseres Lebens und mehr als das! Der Erlöser unseres Lebens; das Kind in der Krippe, dass uns die Tür zu Gott geöffnet hat.

So soll weit über das diesjährige Weihnachtsfest hinaus der alte irische Weihnachtswunsch mein guter Wunsch für uns alle sein:

Dass in Freud und Leid das Lächeln voller Huld des menschgeword’nen Gottessohnes mit dir sei!

Hartmut Keitel

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