Mit welchen Worten bekennen wir unseren Glauben?

Bis heute ist in unseren Gottesdiensten das alte „Apostolische Glaubensbekenntnis“ ein liturgisches Grundelement, mit dem Christen vermutlich seit dem Jahr 200 in der bis heute überlieferten Form ihren Glauben bekennen. Zweifellos enthält es wichtige Glaubensinhalte, manche Aussagen sind uns heute aber eher fremd, wie die „Jungfrauengeburt“ Jesu oder die „Allmacht“ Gottes. Und warum, so könnten wir fragen, sind die einzigen biografischen Aspekte aus dem Leben Jesu ausschließlich auf sein Leiden und Sterben ausgerichtet: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben? Warum wird nichts gesagt über den Sinn dieses Sterbens oder über das Lebenswerk des Mannes aus Nazareth, der durch das Land zog und predigte, Armen das Evangelium verkündete, Kranke heilte und Aussätzige gesund machte, ja sogar Tote auferweckte. Mit dem, was er tat und mit dem, was er sagte, hat er schließlich die Welt verändert. Welche Aussagen sollte ein Bekenntnis enthalten, das wir uns so zu eigen machen können, dass wir es auch mit Überzeugung im Gottesdienst sprechen? Diese Frage beschäftigte uns vor einigen Wochen im Glaubensgesprächskreis. Sollte nicht jedes Bekenntnis Antwort geben auf die Fragen, die sich in seinem zeitgeschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Kontext stellen, und so auch Bezug nehmen auf das, was in einer bestimmten Zeit oder in einem bestimmten Land besonders nötig ist zu sagen? So – um ein prominentes Beispiel zu nennen – wie es die Autoren des sogenannten Barmer Bekenntnisses getan haben, mit dem sie den die Kirche damals vereinnahmenden Ansprüchen des Nationalsozialismus mit seinem „Führer-Prinzip“ entgegentraten: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen“ (Barmer Theol. Erklärung I). Auf der Versammlung unserer Gemeinde am 28. März 2021 wurde das „Barmer Bekenntnis“ in die Satzung der Christuskirche aufgenommen. Vielen Gemeindegliedern hat sich das nicht mitgeteilt, deshalb sei es hier ausdrücklich erwähnt: „Die Gemeinde ist eine Vereinigung evangelischer Christen auf der Grundlage der heiligen Schrift, der alt-kirchlichen und reformatorischen Bekenntnisschriften sowie der Theologischen Erklärung von Barmen (1934).“ Die kursiv gedruckten Worte ergänzen nun die Satzung. Was mir im „Apostolischen Glaubensbekenntnis“ fehlt, sind entscheidende Grundeinsichten der Reformatoren. Kern- und Angelpunkt für sie war das, was zwischen Gott, Jesus Christus und uns Menschen geschieht, die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade und aufgrund des Glaubens. Das ist die Mitte und das Herzstück des christlichen Glaubens. „Rechtfertigung allein aufgrund des Glaubens“: Das Wichtigste, das ich tun muss, ist zu hören, was Gott mir durch Jesus Christus sagt. Die Hände aufhalten, damit Gott seine Güte hineinlegen kann. Meine Eigenständigkeit und meine Freiheit gehen dabei nicht verloren, sie haben Raum in der großen, umfassenden Liebe Gottes. Mir war bislang kein Bekenntnis bekannt, in dem die reformatorischen Grundanliegen wenigstens mit ein paar Worten ausgesprochen worden sind, bis ich vor einigen Wochen hier in Paris auf das „Neue Glaubensbekenntnis – Une nouvelle Déclaration de foi“ der Église Protestante Unie de France stieß. Deren Nationalsynode hat auf ihrer Tagung im Mai 2017 ein Bekenntnis formuliert, dass sowohl die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade als auch die ethischen Konsequenzen der Rechtfertigungslehre für die Lebenspraxis eines Christen formuliert: „Im Geist der Reformation verkündet sie (d.h. die Synode, Keitel) diese frohe Botschaft: Gott nimmt jeden Menschen so an, wie er ist, ohne jegliches Verdienst seinerseits. In diesem Evangelium der Gnade, dem Herzstück der Bibel, wirkt der Geist von Gott. (…) Gott nimmt jeden Menschen so an, wie er ist, ohne jegliches Verdienst seinerseits. (…) Gott kümmert sich um alle seine Geschöpfe. Er ruft uns auf, zusammen mit anderen Handwerkern der Gerechtigkeit und des Friedens, auf die Nöte zu hören und gegen die Missstände aller Art zu kämpfen: Existenzsorgen, soziale Zerrüttung, Fremdenhass, Diskriminierungen, Verfolgungen, Gewalttaten, Raubbau an der Erde, Maßlosigkeiten.“

Ich möchte anregen, in einem breit angelegten Diskussionsprozess in der Gemeinde zu fragen, ob nicht auch dieses Bekenntnis in die Satzung der Christuskirche aufgenommen werden sollte.

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