„Innehalten im Heute Gottes“

Im Musée d’Orsay habe ich schöne alte Sanduhren gesehen („historische Chronometer“). Mich hat schon als Kind fasziniert, wie schnell die Körner durch den kleinen Trichter sausen und sich im unteren Behälter häufen. Ja, die Zeit flitzt – wie schnell vergehen die Minuten und Stunden! Wie schnell ist ein Tag rum! Sogar ein halbes Jahr. Oft stöhnen wir, dass uns die Zeit davonläuft, Tage und Jahre so dahinfliegen. Und leider auch dann, wenn wir Schönes festhalten möchten. Unrast und Unruhe bestimmen das tägliche Leben vieler Menschen,  manchmal sprechen wir auch von „positivem Stress“ und akzeptieren das dann. Viele Aufgaben und Pflichten sind täglich zu bewältigen. Manche nehmen Schlaftabletten am Abend und Aktiv-Kapseln am Morgen, um dem standhalten zu können. Nur löst das meistens keine Probleme und Fragen. Schon gar nicht die Frage nach dem Warum, nach dem Sinn unseres täglichen Hin und Her. Schon Kindern und Jugendlichen geht das so: Morgens die Schule, oft bis in den Nachmittag. Immer wieder berührt mich, wie schnell die Zeit vergeht. Älter bin ich geworden, zweifellos, aber bin ich auch weitergekommen? Schon als Schüler spürte ich: „Du musst weiterkommen!“ Das prägte mein Lebensgefühl. Du musst die nächste Klasse schaffen, das Abitur, dann studieren, und wieder waren da Prüfungen, Examina. Dann hinein ins Berufsleben, und auch da wollte ich ja „Weiterkommen“. Heute denke ich: „Weiterkommen“ – ist das nicht eine problematische Sehnsucht? Möchte ich denn immer mehr haben, mehr wissen, mehr Einfluss für mich und über andere haben? Möchte ich nicht lieber tiefer leben, Überzeugungen haben, Klarheit im Denken und im Glauben. Aber beides scheint nicht zusammen zu gehen: Tiefer leben und Weiterkommen-wollen. Wie die Körnchen der Sanduhr von einem Behälter in den anderen rieseln – so eile ich im Leben von Raum zu Raum – und so vergeht auch meine Lebenszeit. Hatte da wirklich alles seine Zeit – Zeit, die mich auch erfüllte? Da war die Kindheit, das Erwachsenwerden, die Schule, das Studium, die eigene Familie, das berufliche Wirken in verschiedenen Funktionen an unterschiedlichen Orten. Biografische Abschnitte, meine Lebensräume, die von der ablaufenden Zeit überbrückt wurden. Zeit war wie eine lange Kette, an der sich Termin an Termin reihte. Und ohne Terminkalender wäre ich da oft durcheinandergekommen. Aber wozu das alles? Heute denke ich zuweilen wehmütig, dass ich die Zeit manchmal gerne angehalten hätte, sie für manche Augenblicke zurückdrehen möchte. Als die Kinder noch klein waren, hätte ich mir mehr Zeit für sie nehmen sollen. Besser hätte ich zuhören sollen, meiner Frau, einem Freund, den Sorgen bedrückten. Mit dem Geschenk der Zeit hätte ich Besseres anfangen sollen, hätte mir mehr Muße gönnen sollen wie in der Urlaubszeit. – Vielleicht nehmen Sie sich das in den vor uns liegenden Wochen des Sommers vor: Zeit für sich selbst zu haben. Zeit für die Natur, für Bäume und Blumen, für Vögel, für die Wolken am Himmel. Zeit für Menschen. Zeit für anregende Lektüre. Zeit auch für Gott. Angezogen von einem Kirchenraum, mit seinen bunten Glasfenstern und all den Zeugnissen aus Glaubens- und Kulturgeschichte. Manchmal kommen mir solche Erlebnisse wie heilige Momente vor, die den Atemschlag zwischen Zeit und Ewigkeit spüren lassen. Kirchen können Orte sein, die mir sagen: Deine Lebenszeit ist nicht wie eine „Schnellstraße zwischen Wiege und Grab, ohne Platz zum Parken in der Sonne.“ „Heute muss ich in deinem Haus einkehren“, hat Jesus zu dem Zöllner Zachäus gesagt. Täglich kommt diese Einladung in seinem Wort auf uns zu. Das „Heute Gottes“ ist der ruhende Pol an jedem Tag, dem gemächlichen wie dem gehetzten voller Termine. Das „Heute Gottes“ ist die eigentliche Dimension des Lebens, die auch dann trägt und bleibt, wenn wir am Ende eines Tages abgehetzt sind. Innehalten vor Gott, so wie wir es in unseren Gottesdiensten tun. Nicht Gott tut es gut, sondern uns selbst, wenn wir uns Zeit nehmen für das, was uns wichtig ist. Es lohnt sich innezuhalten, denn unsere Zeit steht in Gottes Händen.

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